Alkoholkonsum: Falsches Signal aus dem Bundeshaus

Die Alkohollobby hat eine Motion durchgebracht, welche die neuen Empfehlungen zum Alkoholkonsum vorerst wieder zurückziehen will. Wohlgemerkt: Es sind «Empfehlungen»! Eine Empfehlung lässt den Menschen weiterhin selber entscheiden. Was ist daran so gefährlich, ihr Weinbauer und Bierbrauer, ihr Whisky-Importeure und Barbetreiber?

Die vom Blauen Kreuz und anderen Gesundheitsorganisationen unterstützten Empfehlungen sind Informationen über Risiken – mehr nicht. Der Mensch darf selber lesen, denken, entscheiden. Schon dies passt der Alkohollobby nicht. Sie hat schon seit längerem Angst um ihre Millionenumsätze. Ihre Lobbyisten versuchen nun, Zeit zu gewinnen. Ihr Argument ist schwach, hat aber für 106 Nationalräte schon gereicht: Eine noch nicht abgeschlossene Studie aus Spanien müsse abgewartet werden, um zu zeigen, ob die Empfehlungen nun stimmen oder nicht...

Wenn Alkoholkonsum, dann mit Verantwortung: Diese Haltung zu fördern, ist unser Kernanliegen. Für bestimmte Situationen heisst das: 0,0% – Null Komma Null Prozent. Zum Beispiel für den Autofahrenden, die Schwangere, den Kranführer auf der Baustelle. Unsere aktuellen Empfehlungen zum Alkoholkonsum lesen Sie hier.

Der Entscheid des Nationalrats von gestern, dem «Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mässigen Alkoholkonsum» (Motion 25.4153) zuzustimmen, sendet ein falsches Signal. Es ist offensichtlich: Die Alkohollobby hat in den letzten Monaten extrem Druck gemacht.

Martin Bienlein, Mediensprecher des Blauen Kreuzes Schweiz, beobachtet die Abläufe im Bundeshaus sehr genau. Er schreibt darüber: Der Beschluss stellt die Interessen der Alkoholwirtschaft über den Schutz der öffentlichen Gesundheit und relativiert fälschlicherweise die wissenschaftlich belegten Risiken des Alkoholkonsums.

Alkohol ist kein gewöhnliches Konsumgut. Er ist krebserregend, macht abhängig und verursacht jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund CHF 2.8 Milliarden, 1’600 Todesfälle, 1’700 Neugeborene mit alkoholbedingten Schäden, 300’000 Alkoholabhängige, 100’000 Kinder von Eltern mit einer Alkoholabhängigkeit sowie 200 Krankheiten in Verbindung mit Alkohol. Mitbetroffen sind Kinder und Angehörige, meist Frauen. Trotzdem will die Mehrheit des Nationalrates mit 106 zu 75 Stimmen bei 13 Enthaltungen die Information über Risiken bremsen, aus Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen.

«Die Motion vermittelt den Eindruck, die Wissenschaft sei sich über die gesundheitlichen Folgen von Alkohol uneinig. Dies entspricht nicht den Erkenntnissen der Fachwelt», sagt Marc Peterhans, Geschäftsführer beim Blauen Kreuz Schweiz. Internationale und nationale medizinische Fachgremien halten immer wieder fest, dass Alkoholkonsum gesundheitliche Risiken birgt und keine risikofreie Konsummenge bekannt ist. Dies tat im März dieses Jahres auch die Eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN).

Das Blaue Kreuz kritisiert insbesondere, dass mit Verweis auf einzelne Studien Zweifel an der breiten wissenschaftlichen Evidenz gestreut werden. Die in der Motion erwähnte UNATI-Studie kann und wird keine neuen Grundlagen zur Frage liefern, ob Alkohol gesund oder ungesund ist. Sie untersucht vielmehr den Einfluss von Beratungsangeboten auf das Trinkverhalten und die Gesundheit.

«Die Bevölkerung hat Anspruch auf transparente und wissenschaftlich fundierte Informationen zu den Risiken von Alkohol», bekräftigt Peterhans. «Wer Prävention verzögert oder relativiert, riskiert gesundheitliche Schäden – insbesondere bei jungen Menschen.»

Das Blaue Kreuz erwartet vom Bundesrat, dass er sich weiterhin an evidenzbasierter Präventionsarbeit ausrichtet und gesundheitspolitische Empfehlungen unabhängig von wirtschaftlichen Interessen vorgibt. Die Bevölkerung soll informierte Entscheidungen treffen können. Dazu gehört auch eine klare Kommunikation über Risiken.

Kontakt:
Martin Bienlein, Mediensprecher
martin.bienlein(at)blaueskreuz(dot)ch, 079 228 96 04

Foto: unsplash/zettl

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