Zuschauen ist unheimlich schwierig

Mit gerade mal 29 Jahren wurde Herr R. Leiter eines neuen Walzwerks in der Stahlindustrie in Hamburg. 450 Mitarbeitende galt es zu rekrutieren. Damit das neue Unternehmen funktionierte, engagierte er Fachpersonal aus dem Süden Deutschlands. Bei einem solchen Aufenthalt lernte er auch seine künftige Frau kennen. Sie war erst 17 Jahre alt und machte im Partnerbetrieb eine Lehre. «Sofort gefunkt» habe es, erzählt mir Herr R. Nach vier Wochen waren sie verlobt, nach weiteren drei Monaten haben sie geheiratet. Eine Beziehung auf diese grosse Distanz, das wäre in dieser Zeit schwer möglich gewesen, erklärt mir der mittlerweile 80-Jährige.

Wahnsinnig kommunikativ und offen sei seine Frau gewesen. Nach dem Umzug aus Süddeutschland nach Hamburg fand sie bald eine Stelle als Perforatorin und sei in der Arbeitswelt in Hamburg richtig aufgeblüht. Nach zwei Jahren kam die erste Tochter zur Welt. Dass seine Frau nicht mehr weiterarbeiten würde, darüber wurde gar nie diskutiert. Das war halt einfach so, schliesslich war er selbst sehr erfolgreich und habe gut verdient. Sein Erfolg blieb auch nicht unbemerkt. Als der internationale Stahl-Konzern in Brasilien ein neues Werk aufbaute, wurde Herr R. angefragt, ob er die Herausforderung annehmen wolle. Natürlich wollte er, und die junge Familie zog nach Rio de Janeiro.

Unheimlich, wie sich seine Frau in Rio durchgeschlagen habe. Einfach sei das nicht gewesen, die ersten drei Monate hätten sie mit dem Kind im Hotel gelebt, beide konnten kein Wort Portugiesisch. Ruckzuck fand seine Frau eine Wohnung fünf Minuten vom Strand in Leblon entfernt, im Schatten des Zuckerhuts. Sie habe Portugiesisch am Strand gelernt, im Austausch mit anderen Müttern und Kindern. Während sich Herr R. in die Arbeit stürzte, baute sich seine Frau in Brasilien ein neues Zuhause und ein Netzwerk an Freundinnen auf. Den Club der Deutschen, welchen es natürlich auch gab, habe sie meistens gemieden. In den acht Jahren, die die 4-köpfige Familie, mittlerweile kam eine weitere Tochter zur Welt, in Brasilien verbrachte, sei seine Frau fast zur Brasilianerin geworden. Unheimlich glücklich sei sie in dieser Zeit gewesen. Alkohol war da noch kein Problem. Seine Frau habe wohl Bier getrunken, aber brasilianische Biere seien sehr leicht und die Menge sei unbedenklich gewesen.

Die Rückkehr nach Hamburg habe einen grossen Schnitt im Leben seiner Frau bedeutet. Herr R. übernahm in Hamburg die Gesamtleitung des Stahlwerks und war einmal mehr beruflich herausgefordert und absorbiert. Die Produktionsweise hatte sich geändert, sodass Herr R. in den kommenden vier Jahren die Belegschaft um die Hälfte, von 1‘500 auf 750 Personen, redimensionierte. Er habe wohl gemerkt, dass seine Frau Mühe hatte, sich in Hamburg einzuleben. Sie habe zwar auch da sofort Freundinnen gefunden, aber die Lebensweise in Deutschland unterscheide sich schon stark von derjenigen in Brasilien. Kam dazu, dass die Kinder, mittlerweile acht und vier Jahre alt, tagsüber zur Schule gingen.

In Hamburg hatte die 20-jährige Suchtgeschichte seiner Frau seinen Anfang. Herr R. war der Situation ausgeliefert. Er kam oft nach Hause und wusste nicht, was er dort antreffen würde. «Ich dachte, sie hat ja alles – eine Familie, Freundinnen, ein Haus und genügend Geld, um sich ihr Leben bequem einzurichten» und er fragte sich, wie es so weit kommen konnte. Wie findet man einen neuen Lebensinhalt für seine Partnerin? Wie unterstützt man seine Frau dabei, aus der Sucht herauszufinden? Unheimlich schwierig sei es gewesen, 20 Jahre lang einfach zuzuschauen! Aber eine Scheidung wäre für ihn nicht infrage gekommen.
So sei mit dem nächsten Stellenwechsel in die Schweiz nach weiteren vier Jahren auch die Hoffnung mitgeschwungen, dass die Nähe zur Familie seiner Frau, sich positiv auf deren Sucht auswirken könnte. In diversen Kliniken sei sie zu dieser Zeit gewesen, viele Therapien habe sie besucht. Manchmal ging es ihr ein paar Monate gut, dann hatte sie wieder einen Absturz. «Ich bewundere die Mädels im Nachhinein dafür, wie sie mit der Situation umgegangen seien.» Er selbst sei zu dieser Zeit mindestens einmal pro Monat im Ausland gewesen. In den USA, in Japan, irgendwo in der Welt. Die Töchter waren vor Ort und unterstützten ihre Mutter.
Weshalb es trotzdem noch funktionierte mit dem Ausstieg aus der Sucht, das kann er sich eigentlich nicht erklären. Wahrscheinlich hat sie in der Klinik und anschliessend beim Blauen Kreuz endlich die richtigen Leute gefunden. Imponierend sei die Veränderung gewesen. Seine Frau hat die letzten zehn Lebensjahre, frei von Alkoholsucht, ihr Leben wieder gestalten können. Schön war diese Zeit, sie habe ihm, den Töchtern und den Enkelkindern so viel zurückgegeben.

Dass seine Frau 62-jährig an Lungenkrebs sterben sollte, das war eine unerwartete Entwicklung und eine schlimme Erfahrung. «Eigentlich war ich immer ein Mann, der gut mit sich allein zurechtkam.» Er hat für sich selbst auch nie Hilfe in Anspruch genommen. Als Frau K., die Suchtberaterin seiner Frau vom Blauen Kreuz, ihm an der Beerdigung das Angebot machte, er solle sich melden, wenn er jemanden zum Reden brauche, sei er gerne darauf eingegangen. Und so gehe er nun selbst etwa alle drei bis vier Monate zu einem Beratungsgespräch. Um das Vergangene aufzuarbeiten, aber auch, um die Zukunft zu gestalten und ein neues
Glück zu finden.
Cornelia Stettler, Leiterin Kommunikation + Fundraising

Aus engagiert 2/21.
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