Im Tandem-Team zu mehr Autonomie - Interview mit Christina Gygax, Geschäftsführerin Spitex Region Köniz

Das Thema Abhängigkeit und Sucht im Alter gewinnt an Bedeutung. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist heute ein Drittel der Schweizer Bevölkerung im Pensionsalter und profitiert von der gestiegenen Lebenserwartung. Autonomie ist im Alter ein hohes Gut und so leben die «Alten» im Vergleich zu früheren Generationen vier Wänden. Der Eintritt in ein Alters- oder Pflegeheim kann so aufgrund vielfältiger Dienstleistungen bei der Bewältigung des Alltags sehr lange aufgeschoben werden.

Aber auch mit der besten Unterstützung bleiben schwierige Lebensthemen wie chronische Erkrankungen, Schmerzen, Einsamkeit, eingeschränkte Mobilität, Langeweile oder die Auseinandersetzung mit dem Tod als Risikofaktoren für eine Suchtabhängigkeit bestehen. Das Blaue Kreuz stellte sich darum vor Längerem die Frage, wie die Suchtberaterinnen und -berater ältere Menschen mit Suchtproblemen erreichen und angemessen begleiten können. Eine Zusammenarbeit mit einer Institution drängte sich auf, und wer wäre als Partner besser geeignet als die Spitex, welche mit ihren Pflegeund Haushaltsdienstleistungen viele ältere Menschen im Alltag begleitet. Im Interview gibt Christina Gygax, Geschäftsführerin der Spitex Region Köniz Auskunft darüber, wie die Tandem-Teams des Blauen Kreuz und der Spitex zusammenarbeiten.

Wie kam die Zusammenarbeit zwischen den beiden Organisationen zustande?
Die Fachstellen mit regelmässigem Kontakt zu älteren Menschen und die Spitex-Organisationen stellen seit längerer Zeit fest, dass Sucht auch im fortgeschrittenen Alter zum Thema werden kann. Betäubungsmittel, Medikamente und vor allem Alkohol sind Suchtmittel, die bei einigen Kunden/Kundinnen zu Problemen führen können. Auch die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern ist sich der Problematik Sucht im Alter bewusst. Sie hat die Fachstellen darum aufgefordert, Konzepte einzureichen, wie sie ältere Menschen mit Suchtproblemen besser erreichen und begleiten könnten. Daraus sind, erstmals für eine Pilotphase von zwei Jahren, in mehreren Regionen des Kantons die Tandem-Teams entstanden.

Was sind die Herausforderungen an die Spitex- Mitarbeitenden in Bezug auf einen problematischen Suchtmittelkonsum?
Die Spitex-Mitarbeitenden erhalten einen direkten Einblick ins Leben ihrer Kundinnen und Kunden. Sie sind wichtige Bezugspersonen und sehen direkt, wenn es ihnen nicht so gut geht. Die Spitex-Mitarbeitenden wollen mit ihren Dienstleistungen dazu beitragen, dass die betreuten Menschen solange wie möglich autonom in den eigenen vier Wänden leben können. Gleichzeitig befinden sie sich aber in einem gewissen Spannungsfeld. Denn die Spitex-Kunden bestimmen selbstständig, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen wollen und welche nicht. Das Ansprechen und regelmässige Begleiten im Falle einer Suchtthematik kann das aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Pflegeperson und Kunde/Kundin belasten. Denn Sucht ist ein vielschichtiges, intimes und leider auch unangenehmes Thema. Es ist für die Pflegepersonen einfacher, wenn sie das Thema Sucht an eine zusätzliche, neutrale und nicht anderweitig in die Pflege involvierte Fachperson auslagern können. Und da kommen dann die Tandem-Teams ins Spiel.

Wie stellen die Spitex-Mitarbeitenden fest, dass jemand gefährdet ist?
Die Situation ist sehr unterschiedlich. Anders als z.T. in Pflegeheimen ist der Umgang mit Suchtmitteln in den eigenen vier Wänden nicht geregelt. Wer wann wieviel Alkohol konsumiert, ist abhängig von den Gewohnheiten und dem persönlichen Empfinden der Kunden. Aber natürlich sind die Spitex-Mitarbeitenden sensibilisiert für die Thematik. Vielleicht stellen sie fest, dass der Kunde öfters betrunken ist, wenn sie vorbeischauen. Ein Hinweiskönnte auch sein, dass viel Leergut herumsteht oder dass die Person häufiger Alkohol kauft als üblich

Was geschieht im Verdachtsfall?
Die Spitex-Mitarbeitenden agieren als Türöffner. Sie sprechen das Thema Sucht bei den Kunden/ Kundinnen an und ziehen mit deren Einverständnis eine Beratungsperson vom Blauen Kreuz bei. Diese begleitet die Spitex-Mitarbeiterin auf deren Hausbesuch und regelt danach direkt mit der Klientin/dem Klienten die weitere Zusammenarbeit. So werden die Spitex-Mitarbeitenden im Thema Sucht entlastet.

Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Hilfreich bei der Ausgestaltung der Zusammenarbeit ist das gemeinsame Verständnis beider Institutionen, Menschen in ihrer Autonomie und Handlungsfähigkeit zu unterstützen. Aufgrund dieses Leitziels wurden diverse Themen wie Abgrenzung der Beratungsarbeit, Zusammenarbeit der Bezugspersonen, Datenschutz und konkrete Massnahmen wie Schulungsangebote und Fallbesprechungen definiert. Schon nach wenigen Monaten zeichnet sich ab, dass die Zusammenarbeit erfolgreich ist und auf gegenseitige Akzeptanz stösst.

 

 

Cornelia Stettler
Leiterin Kommunikation + Fundraising

 

Aus engagiert 3/21
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